Von Häusern und ihren Geschichten lernen

Vorwort für eine Publikation des Haus der Farbe, das ich als Präsident der Trägerschaft «Berufsprüfung und Höhere Fachprüfung Gestaltung im Handwerk» verfasste (2023)

An vielen hasten wir achtlos vorüber, vor anderen machten wir unlängst Halt, um ehrfürchtig an ihnen hochzuschauen, und über wieder andere freuten wir uns im letzten Sommer, als wir über Land fuhren. Wir erinnern uns: An die schmucken Appenzeller Häuser mit gelben Ställen und roten Toren, an prachtvolle weiß gekalkte Engadiner Häuser, an die Klosterbauten inmitten der Berge, die sich strahlend hell und voluminös der noch mächtigeren Umgebung voranstellten.

Und wir erinnern uns kaum: An die vielen Häuser, die den Weg zu unserer Arbeit säumen. An die Kirche im Dorf, deren helle Fassade vor dem sattgrünen Hügel für einen ebenso eindrücklichen Kontrast sorgt, wie es die weiß gekalkten prächtigen Gebäude im Engadin tun. Wir denken nicht an das uralte Haus neben dem Bahnhof, dessen von der Sonne gezeichnete Fassade vielleicht eine ähnliche Geschichte erzählte, wie es die schwarzgebrannten Stadel und Wohnhäuser im Oberwallis tun. Eine Geschichte von Häusern und Menschen. Von Menschen, die in diesen Häusern lebten und leben. Und von Menschen, die diese Häuser geplant haben, gestaltet, gebaut.

Von ihnen, den Handwerkern – heute sind es Handwerkerinnen und Handwerker –, von diesen Menschen und ihrer Handwerkskunst handelt dieses Buch, von ihnen erzählt das Forschungsprojekt «Farbkultur und Handwerk in Schweizer Regionen».

Von 2021 bis 2023 suchten die Forschenden des Instituts am «Haus der Farbe» nach regionalen Charakteristiken von Handwerk und Farbe im schweizerischen Bauen und förderten eine Vielzahl von Handwerks- und Farbgeschichten zutage. Diese erzählen vom Reichtum an typischen Farben und von handwerklichen Techniken, die – obschon da und dort bereits vergessen – auch Berufsleuten von heute ein großes Potenzial böten dafür, im eigenen Handwerk kreativ zu sein. Kreativer vielleicht. Wie chancenreich und herausfordernd der Umgang mit seltenen bis vergessenen Farben, Materialien und Techniken sein kann, haben Abgängerinnen und Abgänger der Lehrgänge «Farbgestaltung am Bau» und «Gestaltung im Handwerk» in interdisziplinär zusammengesetzten Teams ausgelotet und dokumentiert.

Das Forschungsprojekt «Farbkultur und Handwerk in Schweizer Regionen» war ein Projekt der Begegnungen: Forschung traf auf Handwerk, Handwerk auf Gestaltung, und schließlich begegneten Absolventinnen und Absolventen gestalterischer beruflicher Bildungsgänge Werken, die vor vielen Jahren geschaffen wurden – von Menschen, die sich damals ebenso mit Farben, Formen und Techniken auseinandersetzten, wie es die Studierenden heute am «Haus der Farbe» tun. Und die es den heutigen Standesvertreterinnen und -vertretern wahrscheinlich gerne gleichtäten und in einer Forschungsarbeit das eigene Handwerk erforschten, die aktuell vorhandenen kreativen Möglichkeiten.

Das «Haus der Farbe» bietet in seinem Institut und in seinen Ausbildungsgängen immer wieder Raum für solche Begegnungen. Für Begegnungen und Betrachtungen, die weit über das eigene Handwerk, über die vertrauten Materialien und Techniken, über den Berufsalltag hinaus reichen. Damit erfüllt es eine überaus wichtige Funktion, bietet es doch Handwerkerinnen und Handwerkern ganz unterschiedlicher Berufe die Chance, die eigene gestalterische Tätigkeit zu reflektieren, kreative Möglichkeiten zu erforschen und zu trainieren.

Gerade im industriell getriebenen Handwerk, in der handwerklichen «Fertigung», drohen nicht massentaugliche Materialien und Techniken verdrängt zu werden, vergessen zu gehen. Verschüttet werden damit auch die Erinnerungen, die Geschichten. Die Geschichten beispielsweise, die uns mächtige weiße Gebäude vor komplementär wirkender Landschaft erzählen, die Geschichten auch von farbenfrohen kleinen Häusern inmitten malerischer Hügel, und natürlich auch die Geschichten jener Häuser, an denen wir im Alltag achtlos vorübergehen. Geschichten, denen die Mitarbeitenden des Instituts mit Studierenden am «Haus der Farbe» nachgegangen sind, um uns schließlich erzählen zu können, wie es dazu kam, dass manche Häuser weißer sind als andere, weshalb die Kirche meistens gerade ihrer Fassade wegen im Dorf bleibt, und dass die alten Oberwalliser Dörfer von weitem spiegeln, was der Volksmund befiehlt: «Vor Gott schi wir alli gliich.»

Aus der Nähe betrachtet werden uns die dunklen Holzfassaden mit ihren feinen Dekorationsmalereien womöglich etwas mehr erzählen. Ein Grund, es den Verfasserinnen und Verfassern dieser Forschungsarbeit gleichzutun. In die Regionen zu fahren. Genau hinzuschauen. Die Häuser erzählen zu lassen. Von ihnen zu lernen.

Weitere Details zu meinem beruflichen Weg und meinen Schwerpunkten finden Sie unter «Über mich».