Nähe, Verwurzelung und wenig Anonymität – Rundtischgespräch zu Mediation im ländlichen Raum

Iwan Raschle im Gespräch mit Sandra Thaler, Franziska Feller und Matthias Würtenberger

Überblick: Welche Besonderheiten prägen Mediationen im ländlichen Raum? In einem Rundtischgespräch teilen Sandra Thaler aus Österreich, Franziska Feller aus der Schweiz und Matthias Würtenberger aus Deutschland ihre Beobachtungen und Erfahrungen. Sie diskutieren die enge soziale Verflechtung, die geringe Anonymität und die starke Verwurzelung der Beteiligten, generationenspezifische Unterschiede im Umgang mit Konflikten und belastende Fragen rund um Hofübergabe, Pflege von Angehörigen und den Umgang mit dem Erbe. Die Gesprächsteilnehmenden reflektieren die Bedeutung von Kontextvertrautheit, biografischen Prägungen und professioneller Haltung für ihre Arbeit und zeigen auf, wie sich strukturelle und ge- sellschaftliche Veränderungen auf Konfliktlagen und Mediationsprozesse auswirken. Keywords: Mediation im ländlichen Raum, Landwirtschaft, Familienmediation, Hof- übergabe, Pflege, Generationenkonflikte, Konfliktkultur, soziale Nähe, Anonymität, Verwurzelung, Kommunikation, Mediationsprozess, professionelle Haltung.


Was macht eine Mediation anders, wenn sie im ländlichen Raum stattfindet? Gibt es eine Situation oder ein Beispiel, das Sie als typisch erachten?

Sandra Thaler: Im ländlichen Raum erlebe ich eine ausgeprägte Nähe der Menschen zueinander, eine fehlende Anonymität auch. Das ist sicher eine Besonderheit im ländlichen Raum. Eine weitere sehe ich bei den Rollenbildern. Diese sind teilweise noch sehr traditionell.

Franziska Feller: Ich nehme ein großes Bedürfnis nach Sicherheit wahr. Nach Sicherheit, verstanden zu werden. Oft werde ich bereits im ersten Telefongespräch gefragt: „Verstehen Sie etwas von der Landwirtschaft? Haben Sie einen Bezug dazu?“ Eine weitere Besonderheit sind die zeitlichen Rahmenbedingungen für eine Mediation: Wenn Tiere da sind, müssen Stallzeiten berücksichtigt werden. Das heißt, wenn man Termine sucht, muss man sich den Gegebenheiten anpassen. Die Gespräche finden eher tagsüber statt, zu unterschiedlichen Zeiten, und manchmal auch am Wochenende, das ebenfalls als Arbeitszeit verstanden wird. In den Mediationen deutlich spürbar ist zudem eine große Verbundenheit zum Ort. Viele sind tief verwurzelt, oft über Generationen hinweg. Diese Geschichte ist wesentlich. Es kommt vor, dass sich Beziehungsbrüche oder schwierige Übergaben wiederholen. Gleichzeitig kann diese Geschichte auch eine Ressource darstellen, um besser zu verstehen, was wirkt.

Matthias Würtenberger: Ich finde es schwierig, das so klar zu fassen. Was mir aber auffällt, ist die Frage, wie über Konflikte gesprochen wird. Das ist natürlich auch im städtischen Raum eine Herausforderung, aber im ländlichen Raum begegnet mir das noch einmal anders. Ich mache es an einem Beispiel fest: Ich erlebe häufig Konstellationen zwischen einer älteren Generation, die den Betrieb übergibt oder übergeben hat, und einer jüngeren Generation, die mehr mitbestimmen möchte. Die ältere Generation hat oft eine bestimmte Art, Dinge zu regeln, die eher vorgegeben war. Und die jüngere Generation bringt eine andere Sprache mit, um über Familien und Dynamiken zu sprechen. Diese Sprache ist nicht einfach da – ich muss sie gemeinsam mit den Beteiligten oftmals erst finden.

Wenn wir vom ländlichen Raum sprechen, meinen wir ja meistens das bäuerliche Umfeld. Es begegnen uns aber auch andere Konstellationen in ebendiesem Raum – etwa Familienunternehmen oder Mischformen. Gibt es da Gemeinsamkeiten oder deutliche Unterschiede?

Sandra Thaler: Das ist stark eine Frage der Identität. Viele sind Nebenerwerbsbauern und gehen zusätzlich einer anderen Arbeit nach. Gleichzeitig gibt es Konstellationen, in denen ein Geschwisterteil den Betrieb wieder aktivieren will, während andere Familienmitglieder ihn als Vermögen sehen. Für die einen ist es ein Betrieb, für die anderen Vermögen oder Erbe. Da ist viel Verständnisarbeit nötig.

Franziska Feller: Von den Werten und Haltungen her ist vieles ähnlich. Was sich unterscheidet, ist das Zusammenleben. Im bäuerlichen Umfeld leben und arbeiten viele am gleichen Ort, oft im selben Haus oder sehr nahe beieinander. Das birgt zusätzliche Herausforderungen. Häufig stellt sich die Frage: Können wir so zusammenleben oder braucht es mehr Abgrenzung? Und die Verbindung zum Land ist eine andere – besonders, wenn man den Boden selbst bearbeitet hat.

Matthias Würtenberger: Auch wenn kein aktiver Landwirtschaftsbetrieb mehr besteht, spielt dieses Erbe oft eine Rolle. Diese Idee, dass etwas zusammenbleiben soll – Land, Betrieb, Strukturen – ist sehr präsent. Gleichzeitig entsteht genau daraus Spannung. Zum Beispiel, wenn ein Geschwisterteil den Betrieb übernimmt und dadurch in eine stärkere Position gelangt. Oder wenn rechtliche Rahmenbedingungen dazu führen, dass bestimmte Lösungen gar nicht so einfach möglich sind. Das macht solche Konflikte oft komplexer.

Welche Arten von Konflikten stehen im ländlichen Raum häufig im Zentrum?

Sandra Thaler: Das ist sehr unterschiedlich. Häufig sind es Beziehungskonflikte. Vieles bleibt unausgesprochen, Erwartungen werden nicht geklärt. Ich erhalte oft Mails oder Auflistungen mit vielen Ereignissen aus der Vergangenheit. Da sieht man, wie viel sich angesammelt hat.

Franziska Feller: Ich habe Mediationen in verschiedenen Phasen: vor einer Hofübergabe, während einer Hofübergabe oder Jahre danach. Oft geht es um das Zusammenleben oder das Zusammenspiel von Arbeit und Leben. Neue Partnerinnen oder Partner kommen dazu, die Familie verändert sich. Viele kommen erst zu uns, wenn sie bereits stark leiden. Es gibt Situationen mit verbaler oder physischer Gewalt. Auch Themen wie Depression oder Suizidalität begegnen mir immer wieder.

Matthias Würtenberger: Ich erlebe auch, dass es schwierig ist, überhaupt über Konflikte zu sprechen. Im ländlichen Raum bleibt man stärker eingebunden. In der Stadt kann man eher ausweichen. Auf dem Land ist das schwieriger. Ich habe zum Beispiel einen Fall, in dem jemand sagt: Wenn ich den Betrieb verlasse, müsste ich den Konflikt erklären. Ich müsste darüber sprechen. Und das wäre ein Tabubruch. Das ist eine zusätzliche Hürde.

Sandra Thaler: Ein zentrales Thema ist die Kommunikation. Und auch die Frage der Führung. Wenn unklar ist, wer Verantwortung übernimmt, entstehen Unklarheiten, und daraus entwickeln sich Konflikte.

Wie finden Menschen im ländlichen Raum zu einer Mediation?

Franziska Feller: Das ist oft ein längerer Prozess. Manche sagen: „Ich habe vor acht Jahren einen Zeitungsartikel ausgeschnitten – jetzt sind wir so weit.“ Öffentlichkeitsarbeit, Netzwerke und Medienberichte helfen, Mediation bekannt zu machen.

Sandra Thaler: Häufig ist der Leidensdruck hoch, wenn Menschen zu uns kommen. Gleichzeitig hat sich das Bewusstsein verändert. Es ist weniger schambesetzt, sich Hilfe zu holen.

Matthias Würtenberger: Der Gang zum Anwalt oder Notar ist aber oft selbstverständlicher. Ich betrachte es auch als eine Aufgabe, Mediation sichtbarer zu machen.

Welche Rolle spielt das Thema Pflege?

Matthias Würtenberger: Das Thema Pflege schwingt in vielen Mediationen im ländlichen Raum mit, auch wenn die Pflege von Angehörigen im Moment noch gar nicht ansteht. Bei den Mediand:innen selbst liegt das Thema oft in der Zukunft, bezüglich der Eltern oder Großeltern war es oft bereits präsent. Da wurde viel investiert, viel zurückgegeben an die ältere Generation. Solche Erfahrungen wirken im Hintergrund mit, auch wenn sie nicht explizit angesprochen werden.

Sandra Thaler: An diesem Punkt spitzen sich viele Konflikte zu – weil nicht darüber gesprochen wird und weil unterschiedliche Vorstellungen bestehen. Was sich verändert hat: Früher war die Pflege fast selbstverständlich die Sache der Schwiegertochter oder Tochter. Heute halten wir in Vereinbarungen häufig fest, dass die Pflege gemeinsam organisiert, aber nicht mehr zwingend selbst geleistet wird. Dass die Pflege nicht mehr wie ein Damoklesschwert unausgesprochen über allem schwebt, ist ein wesentlicher Schritt. Scham und Schuldgefühle dominieren nicht mehr – es ist einfach normal geworden, die Pflege zu regeln. Und wir tun dies im Wissen, dass Pflege insgesamt eine enorme gesellschaftliche Herausforderung ist, nicht nur in der Landwirtschaft.

Die Menschen im ländlichen Raum sind sich nah, Anonymität ist kaum möglich. Welche Rolle spielt dieser Umstand?

Franziska Feller: Eine große. Viele Klient:innen wollen nicht, dass jemand sieht, dass sie eine Mediation machen. Deshalb suchen sie für eine Mediation bewusst nicht jemanden aus ihrer Region oder wählen einen Ort, wo sie niemand kennt.

Matthias Würtenberger: In kleineren Strukturen ist es schwieriger, sich zu entziehen. Es gibt weniger Möglichkeiten auszuweichen.

Sandra Thaler: Diese Scham gibt es noch, ich habe allerdings den Eindruck, sie habe abgenommen.

Welche Besonderheiten zeigen sich im Prozess der Mediation?

Franziska Feller: Die Organisation ist manchmal anspruchsvoll. Stallzeiten müssen berücksichtigt werden. Viele gehen zusätzlich einer Erwerbsarbeit nach. Das macht die Terminfindung komplex.

Sandra Thaler: Gleichzeitig hat sich auch etwas verändert. Arbeitszeiten sind strukturierter geworden. Es gibt heute ein größeres Bewusstsein für die Grenzen der eigenen Belastbarkeit. Die Work-Life-Balance ist inzwischen auch im ländlichen Raum ein Thema. Dass Mediationen am Wochenende gemacht werden, erlebe ich kaum mehr.

Matthias Würtenberger: Man braucht Geduld. Ich habe Mediand:innen, die kommen einmal im Jahr, arbeiten dann sehr intensiv mehrere Stunden, und dann passiert wieder lange nichts. Und ein Jahr später kommen sie wieder, manchmal mit einem neuen Thema oder einer weiteren Person. Das ist eine andere Form des Prozesses.

Franziska Feller: Vieles geht langsamer. Die Menschen brauchen Zeit, auch sprachlich. Gleichzeitig sind sie – insbesondere die ältere Generation – von ihrer Arbeitsleistung her sehr ausdauernd und gleichen Marathonläufern. Tag für Tag – über Jahre und Jahrzehnte erledigen sie dem Rhythmus der Natur folgend die Arbeiten. Veränderungen zu erreichen, braucht deshalb viel – die Überwindung von Mustern, die über Generationen hinweg wirken.

Welche Entwicklungen im ländlichen Raum beobachten Sie als Mediator:innen aktuell?

Franziska Feller: Die Lebensformen werden vielfältiger. Es gibt mehr Trennungen, auch im höheren Alter. Gleichzeitig entstehen neue Modelle – etwa externe Betriebsübernahmen oder andere Wohnformen.

Sandra Thaler: Auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verändern sich. Erbschaften gewinnen an Bedeutung und damit nehmen auch Konflikte zu.

Matthias Würtenberger: Ich beobachte eine zunehmende Diversifizierung der Betriebe. Um das Familieneinkommen breiter aufzustellen, kommen neue Gewerke dazu oder Flächen und Gebäude werden umgenutzt. Das schafft Spielraum, bringt aber auch neue Komplexität in spätere Übergaben und Erbregelungen hinein.

Mit wem arbeiten Sie zusammen, wenn Unterstützung nötig ist?

Sandra Thaler: Es ist wichtig, im Netzwerk zu arbeiten. Wenn Themen auftauchen, die nicht in die Mediation gehören, vermittle ich weiter.

Franziska Feller: Psychische Überlastungszeichen kommen bei vielen Mediand:innen vor und sind Teil unserer Arbeit. Für mich ist ganz klar, dass ich bei akuter oder latenter Suizidalität mit Mediand:innen nur weiterarbeite, wenn eine therapeutische Begleitung vorhanden ist.

Wie wichtig sind Kontextvertrautheit und Fachwissen für Ihre Arbeit?

Sandra Thaler: Den Kontext zu kennen, ist wichtig – in einem gesunden Ausmaß. Ich positioniere mich klar als Mediatorin mit rechtlichem Hintergrund; das spielt in meiner Arbeit eine große Rolle. Entscheidend scheint mir aber etwas anderes: dieser innere Ruf, etwas, das einen bewegt, sich einzusetzen. Eine Art Mentalität, eine Affinität, die die Leute spüren. Das hat viel mit Werten zu tun – mit dem Wert der Familie, dem Wert der Arbeit, dem Wert des Schaffens.

Franziska Feller: Ich glaube, dass ich im ländlichen Raum als Mediatorin nicht grundsätzlich anders arbeite als in anderen Kontexten. Aber ich habe einen kleinen Vertrauensvorschuss, weil mein Großvater selbst einen großen Bauernhof hatte und ich die Verbundenheit mit dem Boden kenne. Meine eigene Familiengeschichte hat mich überhaupt bewogen, mich mit Hofkonflikten zu beschäftigen. Mein Großvater konnte den Betrieb seinem Sohn nicht übergeben; er konnte nicht loslassen. Diese Erfahrung wirkt bis heute in meine Arbeit hinein.

Matthias Würtenberger: Ich sehe drei Ebenen. Die persönliche: Warum arbeite ich in diesem Bereich? Da schwingt meist eine eigene Geschichte mit. Die zweite ist die Ansprache, der Kontaktaufbau – das muss authentisch sein. Und die dritte ist das Wissen: Kontextwissen ist hilfreich, um sich zurechtzufinden, aber es bestimmt nicht meinen Kernauftrag. Ich bin kein Rechtsanwalt, kein Betriebsberater. Dafür gibt es andere.

Was schätzen Sie besonders an Ihrer Arbeit im ländlichen Raum – trotz oder gerade wegen der Herausforderungen?

Matthias Würtenberger: Was mich beschäftigt, ist diese Spannung: Viele Menschen sind sehr leistungsfähig, tragen viel und können viel aushalten. Das führt dazu, dass sie sich Unterstützung oft erst spät holen. Gleichzeitig steckt darin auch eine große Energie.

Franziska Feller: Mich fasziniert die Ausdauer. Die Menschen bleiben dran, oft über lange Zeit. Auch wenn Prozesse langsam sind, haben sie einen langen Atem. Und sie bringen eine große Bereitschaft mit, sich einzulassen.

Sandra Thaler: Und wenn dann etwas gelingt, wird es umgesetzt. Diese Ernsthaftigkeit, diese Handschlagqualität, erlebe ich immer wieder und das beeindruckt mich sehr: Wenn etwas beschlossen wird, wird es auch gemacht. Ein Satz meines Mentors begleitet mich bis heute: „Die Mediation ist nicht stärker als das Leben.“ Dieser Leitsatz hilft mir, die Erwartungen nach dem Machbaren auszurichten – und gleichzeitig zu erkennen: Das Machbare ist oft schon sehr viel.

Originalbeitrag (PDF)

Weitere Details zu meinem beruflichen Weg und meinen Schwerpunkten finden Sie unter «Über mich».