Mediation im ländlichen Raum – Wenn Heimat zum Konfliktfeld wird

«LandLiebe», «Landlust», «Landleben»: Zahlreiche Zeitschriften und TV-Formate bedienen unsere Sehnsucht nach dem Land. Sie wecken Bilder einer unberührten Natur, eines entschleunigten Alltags, einer Gemeinschaft, in der man einander kennt und füreinander da ist. Bilder, die vielen von uns Heimat bedeuten – vielen auch, die längst in der Stadt leben. Denn der ländliche Raum ist den meisten von uns näher, als wir glauben mögen. Manche sind selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen, andere kennen das Leben auf dem Land aus der Kindheit bei den Großeltern oder von Verwandten. Und wieder andere finden in diesen Bildern eine wohltuende Gegenwelt zum oft hektischen Alltag.

Doch wo Menschen zusammenleben und Verantwortung tragen – und nicht zuletzt Verantwortung an die nächste Generation weitergeben –, entstehen nicht nur Verbundenheit und Vertrauen. Es entstehen auch Konflikte. Konflikte zwischen Generationen, zwischen Ehepartnern, zwischen Geschwistern oder Nachbarinnen und Nachbarn. Konflikte, deren Wurzeln tief reichen und die oft gerade deshalb so belastend werden, weil sie über Jahre oder gar Jahrzehnte unter der Oberfläche bleiben.

So zeigt sich manches anders, als es unsere Wunschbilder weichzeichnen. Aus Fürsorge kann Bevormundung werden, aus Beobachtung Kontrolle, aus Anderssein Fremdheit. Sich aus dem Weg zu gehen, ist meistens schwierig, und Konflikte anzusprechen – geschweige denn zu klären – erscheint oft als zu große Hürde. Viele Menschen holen sich gerade dann keine Hilfe, wenn sie am dringendsten Unterstützung bräuchten – mitunter aus dem Gefühl der Scham heraus, versagt zu haben.

Gerade deshalb stellt sich nicht zuerst die Frage nach der Wirkungskraft von Mediation. Sondern die Frage, wie Menschen überhaupt zu einer Mediation finden. Ist ihnen Mediation als Handlungsansatz bekannt? Kennen sie eine Mediatorin oder einen Mediator – und vertrauen sie dieser Person, so dass es ihnen möglich ist, einen ersten Schritt zu wagen?

Mut zu einer gemeinsamen Auseinandersetzung und Vertrauen in eine Mediatorin, in einen Mediator, benötigen die Menschen im ländlichen Raum auch in Konflikten, die über die Familie hinausreichen. Ob es um den Bau von Windrädern geht, um den Schutz von Landschaften oder darum, unseren Lebensraum mit Wildtieren zu teilen – in all diesen Debatten geht es um Identitäten. Um Zugehörigkeiten. Um die Angst, Vertrautes zu verlieren: Heimat. Landschaft. Gewissheiten. Vielleicht auch ein Stück der eigenen Identität.

Dieses Vertrauen aufzubauen und der Mediation den Boden zu bereiten, ist Herausforderung und Chance zugleich. Denn Mediation schafft Bedingungen, unter denen Veränderungen oftmals überhaupt erst möglich werden.

Yvonne Hofstetter Rogger, Franziska Feller und Iwan Raschle

Originalartikel (PDF)

Weitere Details zu meinem beruflichen Weg und meinen Schwerpunkten finden Sie unter «Über mich».