Mediation auf leisen Pfoten – Eine Begegnung mit Verena Schiltenwolf, Mediatorin und Naturschützerin

Überblick: Verena Schiltenwolf vermittelt seit vielen Jahren in einem der konfliktträchtigsten Themenfelder des ländlichen Raums: dem Umgang mit Wolf und Luchs. Im Gespräch erzählt die Mediatorin und Naturschützerin, weshalb sie auf persönliche Begegnungen statt auf öffentliche Konfrontation setzt, wie Vertrauen entsteht und warum Wertschätzung für sie der Schlüssel zu gelingender Verständigung ist.


«Es ist doch so einfach», werde ich etwas später im Gespräch von Verena Schiltenwolf hören. Es ist so einfach, an der Ladenkasse «Guten Tag» zu sagen oder sich mit einem freundlichen Wort zu verabschieden. Einem Menschen begegnen zu wollen.

Noch aber bin ich auf dem Weg zu diesem Gespräch. Bin mit einem Regionalzug von Stuttgart ins Filstal gefahren, habe im Dorfzentrum auf den Bus gewartet, die richtige Liniennummer im Kopf, die Endhaltestelle gemerkt, und bin gleichwohl in den falschen Bus gestiegen. Die Endhaltestelle stimmt, die Linie nicht. Als ich die Busfahrerin an der nächsten Haltestelle frage, ob eine Chance bestehe, den richtigen Bus noch zu erwischen, antwortet sie: «Warten Sie, ich fahre Sie hin.» Sagt es, startet den Motor und fährt los. Wenige Minuten später sehen wir den anderen Bus von hinten und wissen: er ist weg. Mein Ziel sei zu Fuß aber gut zu erreichen, tröstet mich die Busfahrerin, und so spaziere ich in der Mittagssonne weiter, hinauf zur Anhöhe über dem Dorf, wo Verena Schiltenwolf wohnt. Nah am Wald, umgeben von Bäumen und Sträuchern. Passend zu einer Frau, die sich für den Schutz der Natur engagiert. Als «Anwältin des Luchses», wie sie im Bundesland Baden-Württemberg genannt wird, als Fürsprecherin des Wolfes und als Mediatorin, der es gelang, ein Themenfeld zu befrieden, das lange Zeit selbst eher einem Raubtiergehege glich: Die Debatte darüber, ob Großraubtiere wie Luchs und Wolf in unseren Wäldern leben dürfen.

Verena Schiltenwolf entdeckte mediatives Handeln vor vielen Jahren als Kommunikationsfachfrau in einem weltweit tätigen Konzern, für den sie mehr als 30 Jahre tätig war. Sie habe damals in einer Arbeitsgruppe mitgewirkt, erzählt sie, «die zu definieren hatte, wer von den Führungskräften nach arbeitsrechtlichen Kriterien zu den leitenden Angestellten gehört und wer nicht». Ein intensiver Prozess, den das Arbeitsgericht vorschreibt, und der in diesem großen Unternehmen zum ersten Mal in dieser Form ablief. «Wir verhandelten drei Tage und drei Nächte», erinnert sich Verena Schiltenwolf. «Wir kämpften für unsere Ansichten, und wir fanden schließlich friedlich eine gemeinsame Lösung.» Diese Erfahrung habe ihr gezeigt, dass ihr diese Art der Auseinandersetzung entspreche, die friedliche gemeinsame Suche nach einer Lösung, die für alle trage. «Das hat mir wahnsinnig gut gefallen.» So gut, dass sie zu recherchieren begann, wo sich das Handwerk Mediation erlernen ließe. Und sich schließlich am Heidelberger Institut für Mediation um einen Ausbildungsplatz bewarb. Sie erhielt die Zusage, absolvierte die Ausbildung und begann danach, sich zusammen mit dem Compliance-Chef im Unternehmen als Mediatorin zu betätigen. «Das gelang uns sehr gut», erzählt sie, «und das war eine sehr schöne Aufgabe.» Vor allem aber sei Mediation in dieser Zeit Teil ihrer Lebenseinstellung geworden. Die Grundprinzipien, sich friedlich mit den Interessen und Bedürfnissen des Gegenübers auseinanderzusetzen und auf ebenso friedlichem Weg eine Einigung anzustreben, habe sie auch für sich entdeckt. Wenn ihr privat auch nicht immer gelingen möge, was sich bei anderen Menschen bahnen lässt.

Etwa zur gleichen Zeit begann sich die überzeugte Mediatorin verstärkt im Bereich Naturschutz zu engagieren. Und merkte: «Im Grunde ist es egal, um welches Thema es geht. Die Konflikte sind eigentlich immer dieselben. Menschen finden nicht zusammen, weil jeder für sich in seiner Bubble hängt und nicht auf den anderen zugehen kann.»

Für Mediatorinnen und Mediatoren gehe es darum, diese Menschen zusammenzubringen. «Und das ist eine sehr schöne Aufgabe.»

Wie dieses Zusammenbringen am ehesten gelingt, lernte Verena Schiltenwolf bereits in ihren Praxisfällen im Großkonzern: kleinschrittig und in Einzelgesprächen mit allen Beteiligten. «Kleine Mediation» nennt sie diese Form, die Interessen und Bedürfnisse aller Beteiligten in vertrauensvollen Gesprächen, in einem geschützten Rahmen abzuholen und die am Konflikt Beteiligten erst zu einem späteren Zeitpunkt zu gemeinsamen Terminen einzuladen. Auf diese Art, weiß die inzwischen erfahrene Mediatorin, «erreichen wir praktisch jede Person», auf diesem Weg lasse sich vieles bewegen. Eigentlich, lächelt sie, sei es so einfach: «Wir müssen beobachten. Zuhören. Und Wertschätzung zeigen.»

Beobachten, zuhören, Wertschätzung zeigen. Das tat Verena Schiltenwolf im schwierigen diskursiven Gelände: Sie versuchte als Mediatorin, die verhärteten Fronten in der Diskussion um die Rückkehr des Wolfs in unsere Wälder zu befrieden. Und das tat sie auch hier kleinschrittig. In Einzelgesprächen. «Ich bin dann halt über Land gezogen und habe den Kontakt zu den Landwirten und Schäfern gesucht», erzählt sie. «Und natürlich bin ich eben auch mal mit einem Schäfer mitgelaufen.» Man müsse sich einlassen auf die Menschen. «Wenn man einen Tag mit ihnen verbringt, spüren sie wirklich, dass man nah bei ihnen ist, dass man sie versteht.» Das heiße noch lange nicht, dass der Wolf plötzlich für alle Beteiligten positiv besetzt sei. «Aber das Verständnis dafür, dass Herdenschutzmaßnahmen wichtig sind, wird größer», ist Verena Schiltenwolf überzeugt.

Auch in der «Arbeitsgruppe Luchs und Wolf Baden-Württemberg» engagierte sich Verena Schiltenwolf nicht nur als Naturschützerin, sondern auch als Mediatorin. Die Arbeitsgruppe, 2004 vom Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum zunächst als «AG Luchs» initiiert, war 2010 zur «AG Luchs und Wolf» erweitert worden. Sie vereinigt alle Interessengruppen rund um die Tierarten Luchs und Wolf – von Dienststellen der öffentlichen Verwaltung über Verbände und Vereine aus den Bereichen Naturschutz, Jagd, Landwirtschaft und Tourismus bis zur Forschung. Verena Schiltenwolf stieß 2014 als Referentin für Großraubtiere zur Arbeitsgruppe und erinnert sich gut an das erste Treffen: «Ich war zu dieser ersten Sitzung gefahren und hatte mir alles erst einmal angehört, hatte mir die Akteure und deren Probleme angeschaut. Ich sagte nichts, sondern ließ einfach alles auf mich wirken.»

Nach dieser ersten Sitzung habe sie dann «wieder angefangen mit den persönlichen Gesprächen». Gespräche mit Nutztierhaltern, mit Interessenvertretern, mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Ministerien. Dass diese einzeln das Gespräch miteinander suchen würden, dass zum Beispiel ein Mitarbeiter eines Ministeriums einen Mitarbeiter eines anderen Ministeriums anrufe, sei eher unwahrscheinlich. Wie aber sollen sie sonst zusammenfinden? «Es gibt nur eine einzige Chance», sagt Verena Schiltenwolf: Im Hintergrund zu arbeiten. «Denn es ist völlig undenkbar, sich hinzustellen und zu sagen: So, wir machen jetzt eine Mediation. Wir treffen uns alle, und ihr fetzt euch gemeinsam. Das würde niemals funktionieren, allein schon wegen der politischen Dimension der Konflikte nicht, wegen politischer Interessen und Verbindungen.» Also bleibe nur der Weg über die «kleine» Mediation, über die Vier-Augen-Gespräche oder über ein Gespräch im kleinen Kreis. Dort komme «die wunderbar friedliche Aussagekraft der Wertschätzung» zum Tragen. Um Wertschätzung gehe es immer in Konflikten, sagt Verena Schiltenwolf, «und Wertschätzung kann ich jemandem nur im kleinen Kreis entgegenbringen, in einem geschützten Raum».

Wie sie zu dieser Arbeitsweise fand? Diese Frage stelle sie sich selbst immer wieder, lächelt Verena Schiltenwolf. «Ich glaube, es war wohl eher ein Instinkt. Ich hatte während meiner Zeit im Großunternehmen festgestellt, dass es einen riesigen Unterschied macht, ob wir eine Besprechung haben zwischen zwei Abteilungen oder Vorstandsressorts und von jedem Ressort zehn Leute da sind, oder ob ich mit zwei Personen spreche. Sind 20 Personen im Raum, treten die auch so auf. Sie hauen sich gegenseitig ihren Ärger um die Ohren, weil ja jeder glaubt, seine Rolle spielen zu müssen.» Sei ihr damals ein Konflikt aufgefallen, sei sie auf die Beteiligten zugegangen und habe sie darauf angesprochen. Das sei nicht ganz einfach, weil man bereit sein müsse, Hierarchien zu überspringen bzw. hinter sich zu lassen. «Denn ob ich mich mit einer Ministerin oder mit einem Minister unterhalte, ist eigentlich egal. Es sind letztlich alles Menschen.» Es sei deshalb wichtig, sich stets vor Augen zu halten, einem «ganz normalen Menschen» gegenüberzustehen, und zu fragen: «Wie sieht sein Umfeld aus? Wie kriege ich den zu packen? Womit könnte ich ihn für mein Thema begeistern?» Diese Gespräche seien enorm wichtig, sagt Verena Schiltenwolf, denn nur in diesen lasse sich Vertrauen aufbauen. Vertrauen, das sie als Mediatorin benötige, um in einer größeren Runde zuzulassen, dass sich die Gesprächsteilnehmerinnen und -teilnehmer öffneten. Ein Vertrauen, das es den Beteiligten ermögliche, sich zu exponieren. Dies im Wissen: Ich kann meine Position hier in aller Öffentlichkeit vertreten, ich bin geschützt. «Niemals», betont Verena Schiltenwolf, würde sie jemanden in einer solchen Situation bloßstellen, «niemals».

Als Verena Schiltenwolf 2019 angefragt wurde, Erste Vorsitzende der Luchs-Initiative Baden-Württemberg e. V. zu werden, habe sie anfänglich gezögert, weil sie «eigentlich neutral bleiben wollte». Zuspruch aus ganz unterschiedlichen Lagern motivierte sie dazu, dies als Chance dafür zu betrachten, «alle Beteiligten an einen Tisch zu holen und das Thema wirklich weiterzutreiben».

Das gelang. Schon bald sei es möglich geworden, den Blick auf das eigentliche Thema zu fokussieren: auf die Luchse. Kuder, so werden männliche Luchse genannt, wanderten immer wieder aus der Schweiz nach Baden-Württemberg ein, auf der Suche nach Luchskatzen, die sich aber eher resident verhalten, also nicht größere Strecken erwandern. 2021 schließlich konnte in Baden-Württemberg der erste Luchs – also die erste Luchskatze – wieder angesiedelt werden. «Da half sicher auch mit, dass der zuständige Minister begeistert war von diesem Thema», lächelt sie.

Im März 2026 erhielt Verena Schiltenwolf von Ministerpräsident Winfried Kretschmann den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg verliehen. «Ihr Mut und Durchhaltevermögen zeigen, wie wichtig das Engagement des Einzelnen für unsere Umwelt und seine Bewohner ist», hieß es in der Laudatio. Die Preisträgerin, die selbst «nicht gerne in der vorderen Reihe steht», betrachtet den Orden eher als Auszeichnung für viele Menschen, die sich an ihrer Seite für den Naturschutz engagiert haben. Nun ist dieser Preis aber nicht irgendeiner, sondern die höchste Ehrung, die das Bundesland vergeben kann; der Kreis der lebenden Trägerinnen und Träger ist auf 1000 beschränkt. Ein solcher Preis hat Strahlkraft, und dieser Glanz, fand Verena Schiltenwolf, solle auf den Naturschutz fallen. Aus diesem Grund habe sie sich trotz anfänglicher Zweifel dazu entschlossen, ihn anzunehmen. Um dem Naturschutz zur verdienten Aufmerksamkeit zu verhelfen. Zu einer Aufmerksamkeit, die ihn nicht romantisiere, sondern als konstruktive Kraft zeige. «Und die den Menschen dorthin stellt, wo er hingehört: In die Natur. Als Teil der Natur.»

Ein warmer Glanz fällt nicht zuletzt auch auf die Mediation ab. Auf die «kleine» Mediation, wie Verena Schiltenwolf sie pflegt und die sich mit Blick auf ihr wichtigstes Tätigkeitsgebiet als «Mediation auf leisen Pfoten» bezeichnen ließe: Eine leise, feine Art, die Interessen und Bedürfnisse von Menschen zu ergründen. Den Menschen zu begegnen. Und sie als Mediatorin, als Mediator dabei zu unterstützen, in einem Konflikt den anderen Beteiligten begegnen zu wollen. «Ich wünsche mir, diese Grundprinzipien der Mediation würden weit hinausgetragen», sagt sie, «in die Breite, in die Fläche». Gerade die Ausbildungsinstitute leisteten einen wichtigen Beitrag dazu. «Ohne meine Mediationsausbildung», ist Verena Schiltenwolf überzeugt, «hätte ich das nicht geschafft. Sie hat mich gelehrt, Brücken zu bauen». Diese Fähigkeit, glaubt sie, ließe sich bereits im Kindergarten fördern.

Auf dem Rückweg zum Bahnhof kommt mir «mein» Bus entgegen. Der «richtige», den ich im Zentrum hätte besteigen sollen. Am Bahnhof steht das Fahrzeug der anderen Linie. Am Steuer nicht die Fahrerin von heute Mittag, sondern ein Kollege. Der sich vielleicht wundert, weshalb ich ihn so freundlich grüße. Der sich aber auch denken könnte: Es ist doch so einfach. Sich begegnen zu wollen.

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